Muenke

Muenke-Syndrom

 

Hartmut Collmann, Würzburg

Maximilian Muenke, Bethesda

Stand: Mai 2013

Definition:

Erbliche Form einer angeborenen Kranznahtsynostose (vorzeitige Verknöcherung der Kranznaht des Schädels), typischerweise oft verbunden mit kurzen Fingern und Zehen, Schwerhörigkeit und/oder verminderter geistiger Leistungsfähigkeit. Benannt nach dem deutsch-amerikanischen Genetiker Maximilian Muenke, der das Syndrom zusammen mit einer internationalen Forschergruppe 1997 erstmals ausführlich beschrieben hat.

Häufigkeit und Ursache:

Das Muenke-Syndrom (MS) wird durch eine einzige, umschriebene Mutation im sog. FGFR3-Gen – im Chromosom 4 gelegen - ausgelöst. Das veränderte Genprodukt (Fachausdruck: FGFR3 Pro250Arg), ein Eiweißkörper in der Zellwand, stört die regelrechte Entwicklung von Knochenzellen. Der Zusammenhang mit der Kranznahtsynostose wurde bereits 1996 von Bellus und Mitarbeitern entdeckt. Die Muenke-Mutation wird dominant vererbt, d.h. mit 50%iger Wahrscheinlichkeit an die Kinder des/der Betroffenen weitergegeben, kann aber auch in den Keimzellen spontan entstehen, sog. Neumutation. Das MS kommt einmal auf ca. 30.000 Geburten vor.

Merkmale und Folgen für die Gesundheit:

Das Erscheinungsbild des MS ist sehr variabel, ein Träger der Muenke-Mutatation kann völlig gesund sein, auch äußere Kennzeichen können (bei mindestens 5 % der Mutationsträger) weitgehend fehlen. In den meisten Fällen besteht aber schon bei Geburt eine Kranznahtsynostose.

Kopf:

Meistens angeborene Synostose einer oder beider Kranznahthälften mit der Folge eines Plagiozephalus (sog. „Schiefkopf“) mit ausgeprägter Gesichtsasymmetrie oder eines Brachyzephalus: Kurzer, breiter Kopf mit hoher Stirn (sog. „Turmschädel“). Die Synostose bleibt in der Regel auf die Kranznaht beschränkt, kann aber im Jugendalter auf weitere Nähte übergehen. Ein schweres Missverhältnis zwischen Schädelwachstum und Hirnwachstum und damit eine Drucksteigerung im Kopf entwickelt sich erfahrungsgemäß nur selten. Die Sehnerven sind daher nur wenig gefährdet.

Zu den charakteristischen äußeren Merkmalen gehören die breite und hohe Stirn, die eher schmale Hinterkopfregion mit fehlenden Scheitelhöckern, eine verkürzte vordere Schädelbasis mit entsprechend unterentwickelten knöchernen Augenbrauenwülsten. Besonders im Säuglingsalter kann die hohe Stirn kräftig gewölbt und die Nasenwurzel eingezogen sein. Die Lidspalten sind manchmal etwas eng („kleine Augen“), die Oberlider können etwas herabhängen (sog. Ptose). Haaransatz und Ohrmuscheln sind unauffällig.

Gehirn:

Bei einem kleinen Teil der Betroffenen entwickelt sich das Gehirn primär, - d.h. nicht etwa als Folge der Synostose - verzögert, so dass die geistige Leistungsfähigkeit auf Dauer eingeschränkt sein kann. Eine schwere Störung i.S. einer geistigen Behinderung stellt glücklicherweise die Ausnahme dar. Die Ursache dieser Entwicklungsanomalie ist unklar, in der Magnetresonanztomographie findet man keine Veränderungen des Gehirns.

Außerdem haben die meisten Betroffenen eine Hörschwäche aufgrund einer bisher unklaren Entwicklungsstörung des Innenohres.

Mittelgesicht:

Die Oberkiefer- und Jochbeinregion ist etwas unterentwickelt, jedoch erheblich weniger stark als z.B. beim Crouzon-Syndrom. Entsprechend bleibt die Atmung meistens unbeeinträchtigt. Aber die Mittelohren sind oft nicht ausreichend belüftet, weshalb sich Mittelohrergüsse und Mittelohrentzündungen entwickeln können, die ebenfalls zur Schwerhörigkeit beitragen. Größere Probleme bei der Zahnentwicklung sind bisher nicht beobachtet worden.

Wirbelsäule:

Bisher wurden keine wesentlichen Anomalien beobachtet oder beschrieben.

Extremitäten und Gelenke:

Die großen Gelenke bleiben in der Regel unbeeinträchtigt. An Fingern und Zehen zeigen sich häufig unterschiedlich ausgeprägte, aber für die Funktion unbedeutende Anomalien. Typisch sind kurze Finger und Zehen, besonders der kleine Finger ist oft auffällig kurz, bedingt vor allem durch ein zu kurzes Mittelglied. Die Schwimmhäute sind normal ausgebildet. Im Röntgenbild werden weitere Anomalien sichtbar: Sog. Becherepiphysen und gelegentlich verschmolzene Zehenendglieder, gelegentlich auch teilweise verschmolzene Handwurzel- oder Fußwurzelknochen.

Innere Organe:

Fehlbildungen wurden bisher kaum beobachtet.

 Diagnose:

Die Diagnose wird gesichert durch eine wenig aufwändige molekulargenetische Blutuntersuchung mit dem Nachweis der spezifischen Punktmutation. Äußerlich kann der Verdacht bei entsprechend kurzen Fingern und Zehen begründet sein. Eine Verwechslung ist am ehesten mit der einfachen (nicht erblichen) Kranznahtsynostose und mit dem Saethre-Chotzen-Syndrom möglich.

Bedeutung für die Gesundheit, Behandlungsmöglichkeiten:

  1. Das Risiko der relativen Schädelenge mit nachfolgender Hirndrucksteigerung scheint gering zu sein, so dass sich aus der Nahtsynostose allein noch kein zwingender Grund für eine operative Behandlung ergibt. Bei stark auffälliger Schädelform ist aber die psychische Belastung zu berücksichtigen. Operation: Verlagerung und Ausformung der knöchernen Stirn, u.U. mit gleichzeitiger Reduktion der vorderen Schädelhöhe.
  2. Innenohr-Schwerhörigkeit, zusätzlich häufig Paukenergüsse.

Behandlung:

Hörgeräte und Paukenröhrchen oder sonstige Verbesserung der Paukenbelüftung.

  1. Die Unterentwicklung des Mittelgesichts benötigt in der Regel nur kieferorthopädische Maßnahmen.
  2. Intelligenzminderung: Frühzeitige Förderung nach allgemeinen Grundsätzen.

Überwachung:

Wichtig ist die frühzeitige Entdeckung einer Schwerhörigkeit bereits im Säuglingsalter. Auch auf Anzeichen einer verzögerten geistigen Entwicklung sollte frühzeitig geachtet werden. Wegen noch unzureichender Kenntnisse über das tatsächliche Risiko für die Sehnerven werden zur Sicherheit halbjährliche Kontrollen des Augenhintergrundes zum Ausschluss von Stauungspapillen (Sehnerv-Schwellung als Hirndruckzeichen) angeraten. Dauer der Überwachung bis etwa zum 12.-14. Lebensjahr.